Thema: Ein Exzess und seine Folgen
Samstag Mittag. Mein DJ Kollege RAM schreibt: Du gehst heute mit deinem Set in die Geschichte des Stuttgarter Nighlife ein, ich spür das! Ich schreibe zurück: Ich spür das auch!
In Wahrheit spüre ich aber noch leichtes Unwohlsein aufgrund der letzten Tage. Allerdings habe ich auch schon in schlimmeren Zuständen aufgelegt. Ich beschließe dennoch keinen Alkohol zu trinken. Sicher ist sicher.
Noch während ich mich dieser Illusion hingebe, wächst meine Gästeliste in fast unermessliche Spähren. Fünfundfünfzig Leute haben sich angekündigt, wovon am Ende des Abends auch fast alle da gewesen sein werden. Ich habe ein schlechtes Gewissen und muss das erstmal mit dem Chef abklären. Tolgay nimmt es locker. Das ist wirklich mit Abstand die größte Liste, die ich je hatte. Ich bin ein bisschen stolz und beschämt zugleich. Natürlich habe ich dem Sinne keine fünfundfünfzig Freunde, aber was will ich weiter darüber nachdenken, ich nehm es gegen Ende jetzt auch nicht mehr so genau. Außerdem zeichnet sich so schon mal ein ziemlich erfolgreicher Abend ab.
Ein paar Stunden, Kaffee und Aspirin Complex später geht’s dann endlich los. Und zwar mit Schnaps. Den ersten kann ich nicht ablehnen. RAM wäre furchtbar enttäuscht. Tolgay auch.
Dann aufbauen und währenddessen über andere DJs und Veranstalter herziehen. Wir sind voll in unserem Element. Ich zähle kurz die Top 5, derer die mich am meisten am Arsch lecken können, auf. RAM ist teilweise verwundert.
Nach einem weiteren Schnaps dehnt sich die Diskussion weiter aus. Wir reden darüber, warum ich aufhöre und warum andere nicht aufhören. Zwischendrin weht mir ab und an mal Verständniss entgegen. Wir trinken noch einen Schnaps.
Das mit dem keinen Alkohol hat ja super geklappt, denke ich mir und finde mich gleichzeitig damit ab das Auto später stehen zu lassen. RAM legt derweil schon, weil sich der Laden schon außergewöhnlich früh füllt. Ich klatsche die nächste Stunde fast ausschließlich Leute von meiner Liste ab. Schnaps inklusive, glaube ich.
Dann will ich selber legen. Bin unterbewusst immer tierisch nervös bis zum ersten Übergang. Wenn der sitzt, weiß ich, dass es schon irgendwie läuft heute. Ich geh gleich in die Vollen. Hab im Moment gar keinen Bock auf diesen Warm-Up-Scheiß. Außerdem, wenn ich etwas im Laufe der Jahre Auflegen festgestellt habe, dann das, dass man am Anfang niemals mit ‘Hits’ sparen sollte. Erstens ist ein gutes Grundgerüst einer Party essentiell für den Erfolg hinten raus, und zweitens fällt einem am Ende immer noch etwas ein, an das man am Anfang nicht dachte.
Ich spiele Crown Jewel, Let Me Blow Ya Mind, Breath, Rude Boy (Reggae Mix), Playa Man, Good Day, Never Stop in der Chilly Gonzales Rap-Version, Good Ol’ Love, No Games, Family Affair, Ms. Jackson, Desole-Traumreise-Traumreise-Desole, I Love My Bitch, Shutterbug, Music Is My Hot Hot Sex, Lady Luck, Just Be Good To Z, Roc Boys vs. Beautiful, Ride With Me, No Strings im Roller Boogie Mix, Electric Avenue, All This Love (Yum Yum Mix), Signed Sealed Delivered by Stevie Wonder, Rolling In The Deep (Remix), Rock Your Body, Count Your Blessings, Funky Sensation und Golden von Jill Scott. Jetzt ist ein bisschen mehr als eine Stunde um. Es ist kurz vor zwei Uhr.
RAM hat die Pause genutzt um weitere Schnaps zu trinken. Außerdem ordert er nach Übergabe des Kopfhörers gleich weitere zwei. Die Stimmung ist prächtig. Es ist mittlerweile so voll, dass ich auf dem Weg von der Bar zum DJ Pult die Hälfte meiner Drinks verschütte, weil ich ständig an jemand hängen bleibe.
Ich hasse es, wenn es so voll ist. Ist für mich als Gast die reine Tortur. Für jede Party und jeden Umsatz aber natürlich super. Ich verziehe mich direkt wieder hinters Pult. Hier schwitze ich auch nur halb so viel. RAMs Stimmung scheint schon auf dem Höhepunkt. Wir machen Witze darüber, dass gleich zwei Uhr durch ist und ab da ja eh alles egal.
Dann, ein paar Songs weiter, will RAM plötzlich zwei Songs spielen, die ich schon gespielt habe. Ich kann ihn gerade noch rechtzeitig davon abhalten. Er ist schockiert ob seiner selbst. Die Geschichte wird ihn auch knapp vier Stunden später noch nicht losgelassen haben.
Wir tauschen wieder. Ich hab höllisch Bock auf deutschen Hip Hop. Will jetzt Füchse spielen. Bin zwar BPM-mäßig viel zu weit weg, aber es ist nach zwei Uhr. Die Lösung lautet: Echo Out und Baby Scratch.
Es ist halb drei und ich spüre, dass heute auch die gewagteren Nummern gehen. Niemand von Joy Denalane zum Beispiel. Bisher immer eine unsichere Nummer. Heute Balsam auf die Stuttgarter Hip Hop Seele.
Dann mein persönliches Meisterstück des Abends: Nie Nett. B-Seite vom ersten Beginner-Album featuring Bo und Ferris. Die Leute feiern es mindestens so wie ich. Ich bin erleichtert und angestachelt.
Ich erinnere mich an die SMS von RAM von heute Mittag. Das ist einer dieser Momente, wo Du weißt, dass es heute etwas besonderes werden kann. Ich bin noch motivierter als am Anfang des Abends. Außerdem drückt mir ständig jemand nen Schnaps in die Hand.
Kurze Zeit später überspiele ich meine Hardcore-Müdigkeitsphase, indem ich bei RAMs Songs mitsinge. Sonst hätte ich absolut keine Probleme jetzt sofort einzuschlafen. Ich ahne Schlimmes für Morgen früh.
Eine gute halbe Stunde später. Es ist immernoch RAMmelvoll. Ich will’s dann auch noch mal wissen. Ooh Wee, Weekends, Could You Be Loved, Crazy Town, Stayin’ Alive mit Party Safari, How Gee, Walk This Way, Ring Ring Ring, This Is How We Do It, Hot In Here, Schüttel deinen Speck, Miami, Roses und dann brechen alle Dämme: Hip Hop Is Dead, A Little Funk, No Melody, Da Funk, The Seed, Türlich Türlich, It Takes Two, The Breaks, She Wants To Move, die Doobie Brothers, Move Your Feet, Dare, Loving You Is Killing Me und als krönender Abschluss wieder zurück zu Empire State Of Mind. Let the people scream und so. Schließlich freut sich auch jeder Affe über Zucker.
RAM macht mir den Scheibenwischer. Dann grinst er und wir klatschen uns ab. Unsere Lieblingsbeschäftigung an diesem Abend. Ich glaube wir haben öfter abgeklatscht, als Uli Hoeneß mit den Basketballern des FC Bayern München nach deren ersten Sieg.
Die restliche Zeit schwebe ich irgendwo umher. Und irgendwie. Hole Drinks, rauche was das Zeug hält und singe lauthals mit. So ungefähr habe ich mir meine letzte Party in rund sechs Wochen an selber Stelle vorgestellt. RAM spielt am Ende eine halbe Stunde lang Rausschmeißer. Esperanto, Mutterstadt, 1ste Liebe und so. Und als Sahnehäubchen Bill Whiters Ain’t No Sunshine. Ein dem Abend gebührendes letztes Lied. Ich bin glücklich. Und fertig mit der Welt. Mein Körper wird mich morgen so bitter für diesen Exzess bestrafen! Aber was soll’s, denke ich mir.
Wir bauen ab. RAM ist immer noch schockiert darüber, dass er fast zwei Leider doppelt gespielt hätte. Und dann sagt er: “Aber was mich noch mehr ankotzt ist, dass Du mich heute an die Wand gespielt hast.” Es ist ein Kompliment in seiner Welt. Und in seinem Zustand. Ich bedanke mich artig. Dann sage ich er soll damit aufhören. Ich kann wirklich nicht mit Lob umgehen.
Als wir fertig sind, nimmt er mich noch mal zur Seite und versucht mich zu überreden, dass ich nicht aufhöre. Ich bin abermals peinlich berührt. Was soll ich denn jetzt sagen? Um diese Uhrzeit. Und was nicht in einer ausufernden Diskussion endet. Ich versuche mich aus der Situation zu winden und sage, dass ich darüber nachdenke. Das ist soweit auch nicht gelogen. Ich denke in letzter Zeit ziemlich viel darüber nach. Aber ich werde mich nicht umentscheiden.
Am nächsten Mittag schreibt RAM: Wann legen wir das nächste Mal zusammen auf? Ich antworte, weiche der Frage aber völlig aus und umschreibe nur kurz meine weiteren Stunden nach dem Gig. Ich beende die SMS mit den Worten, ich geh jetzt schlafen, gute Nacht. Es ist 15 Uhr.
Mein Körper wird sich rächen. Dafür kenne ich ihn zu gut. Kurz mache ich mir noch Hoffnung, Dienstag wieder fit zu sein. Als Dienstag Morgen aber der Wecker klingelt, weiß ich, dass auch hier nur der Wunsch der Vater des Gedanken war. Vielleicht ist das der Punkt, an dem sich Rock’n'Roll und Lifestyle endgültig trennen. Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Aber ich werde es noch rausfinden.
In diesem Sinne Freunde der Nacht.
xoxo
Bill Whiters – Ain’t No Sunshine

p.s.: Thx again to RAM, Corso Tolgi & all other good people who made this happen.