Chilly fucking Gonzales
Thema: Chilly Gonzales – oder auch: Kultur trifft meinen Humor
3.11.2011, Chilly Gonzales and The Quintet live in Mannheim in der Alten Feuerwache. Ich wollte unbedingt hin. Habe Chilly schon vor knapp drei Monaten in Hamburg verpasst. War krank. Und deswegen doppelt frustriert. Bin spätestens seit ‘Ivory Tower’ großer Fän und wollte das unbedingt mal hautnah erleben.
Also hab ich erst mal wieder alle möglichen Leute vollgelabert. Hey Chilly Gonzales, kennste nicht? Der Shit! Glaub mir, muss man mal gesehen haben. Und die Chance bietet sich nicht so oft. Wann habe ich Dir jemals was uncooles empfohlen? Siehste! Machmer!
So oder so ungefähr und mein Auto nach Mannheim war tatsächlich vollbepackt. Mit tollen Menschen, die das Leben schöner machen. Oh mann, jetzt habe ich ‘nen Ohrwurm. Und trotzdem weiß ich spontan nicht aus welcher Werbung der Song ist. Wisst Ihr was ich meine? Haben die Marketingstrategen wohl doch versagt. Fett!
Jedenfalls, Auto fahren nervt! Zumindest zum Feierabendverkehr von Stuttgart nach Mannheim. Und nichts nervt mehr als stockender Verkehr, weil Leute zu blöd sind, um ein Reisverschlussverfahren richtig zu machen. So kommen wir schlussendlich auch zehn Minuten zu spät. Chilly spielt schon. Wir stehen ganz hinten. Noch hinter den Sitzreihen. Normalerweise nervt mich das, weil ich gehöre zu den Menschen, die nicht gerne lange ruhig stehen. Ich muss mich ständig bewegen. Und damit nerve ich meistens meine Nebenleute. Aber wir sind schnell abgelenkt von dem was sich auf der Bühne abspielt.
Wie soll man das jetzt am besten jemandem beschreiben, der noch nie was von Chilly Gonzales gehört hat? Im grundsätzlichen Sinne ist das Klassik, würde ich sagen. Chilly ist Pianist, knapp vierzig und naja, er ist eindeutig verrückt. “Ach deswegen magst Du ihn so”, flüstert mir meine Begleitung nach zwei Songs ins Ohr. Sie hat Recht. Ich fühle mich auf der einen Seite irgendwie kulturell interessiert, gar kultiviert und, auf der anderen, doch humortechnisch voll angesprochen. Ja, es ist ein Widerspruch. Zumindest für die Mehrheit der Leute, die mich kennen.
Ich bin fasziniert davon, wie Chilly Gonzales es schafft, Menschen, die sich für wirklich kulturell interessiert halten, weil sie mit ihren Weintrinker-Freunden ein Konzert im Rahmen der Jazz-Tage besuchen, erst mit einem Vortrag über den Unterschied zwischen einem 4/4-Takt und ‘nem 3/4 Takt und dann mit einem abartigen Piano-Solo, zu dem er Sätze wie ‘I put it in your mouth, so you don’t see it coming’ rappt, zu entertainen.
Eineinhalb Stunden verfliegen, wie ich es davor nur selten erlebt habe. Er spielt, er erklärt, er unterhält. Die Kompositionen sind groß und kommen live mit Streichern noch mal ein Stück pompöser rüber. Die Showeinlagen machen ihrem Namen alle Ehre und unterbewusst schafft er damit etwas, was nur wenige können: Er verbindet Geschmäcker und Generationen, lässt sie dabei geradezu verschmelzen und schmettert sie einem dann direkt ungefiltert in die Gehörgänge. Er macht Dinge, die man irgendwie auch erwartet von jemandem, der in Bademantel und Slippern auf der Bühne steht. Perfektes Image, das er sich da aufgebaut hat. Man glaubt ihm einfach, dass er immer so rumläuft. Und dabei immer bereit ist für den nächsten genialen Einfall.
Die Zeit zwischen jenen Einfällen vertreibt er sich mit Weltrekordversuchen im Piano am Stück spielen (27 Stunden) und Showcases zusammen mit Künstlern wie Feist, Helge Schneider oder A-Trak. Musikalisch betrachtet macht er den Anschein, als ob es einfach nichts gibt, was nicht in seiner Vorstellungskraft liegt. Das ist so authentisch, dass man es erst gar nicht in Frage stellt.
In der Zugabe erzählt er dann wie simpel die Komposition von ‘Never Stop’, der Titelmelodie des Apple iPads, in Wirklichkeit wahr. Stolz ist er trotzdem, das merkt man man. Vielmehr überwiegt dabei allerdings die ehrliche Freude darüber, dass er so mit seiner Kunst noch mehr Leute auf sich aufmerksam machen konnte. Und dafür lebt ein Künstler ja schließlich. Und, sehen wir das mal realistisch, Kunst wird ja erst dann zu welcher, wenn irgendjemand anderer sie so bezeichnen würde, oder?
Ich persönlich tue das. Und ich wünsche mir, dass dieser Knaller-Typ Chilly Gonzales irgendwann mal die ganz großen Hallen ausverkauft, denn, ich bin überzeugt davon, auch die würde er genauso erfolgreich unterhalten können. Klar, man sollte eine gewisse Offenheit für Klassik, das Piano, Streicher, offenherzige Worte und, sagen wir einfach mal Verrücktheiten, mitbringen. Aber im Prinzip reicht auch wirklich schon eine Brise Liebe zur Musik, um eine Chilly Gonzales Show großartig zu finden.
In diesem Sinne ermutige ich hiermit alle, die bis hierhin gelesen haben, höret weiter!
xoxo
Chilly Gonzales – Never Stop (Rap Version)
Chilly Gonzales live @ La Cigale (Paris / 06.06.11)





























