Tag 2. Aufstehen. Schwierig. Fühle mich damaged, damaged. Erkenntnis 1: Trocknen der Sachen hat NICHTS gebracht. Jacke durch. Da muss schnell ne neue her. Ein Blick aus dem Fenster sagt nämlich gar nichts Gutes.
Aber erstmal frühstücken. Im Hotel inklusive. Und genau das was ich jetzt brauche. Eier, Obstsalat, n Saft und Meßkirchs Backwaren. Tight, wie ich in solchen Momenten gerne zu sagen pflege.
Dann aber husch, husch. Wir sind schließlich auf dem Dorf und es ist Samstag kurz vor 12. Da kann man mal berechtige Angst haben, nichts mehr einkaufen zu können.
Aber das Glück scheint uns hold zu sein. Keine zwanzig Meter weiter ein NKD (Niedrig Kalkuliert Discount). Per pedes. Ein Dorf kann auch Vorteile haben. Nichts desto trotz ist der Punkt gekommen, an dem Geschmack keine Rolle mehr spielt. Die erste, annähernd nach wasserfest aussehende Jacke wird gekauft.
Dann ein prägender Moment in meinem Leben. Ich dachte/hoffte, dass es NIE so weit kommen würde. Aber die Investition in ein paar Gummistiefel war an dieser Stelle mit keinem (un)vernünftigen Argument mehr abzuwenden. Dazu gleich auch noch mehrere Paar neue Socken. Ich hatte wohl etwas zu gutgläubig kalkuliert.
Nachdem diese Schmach also vom Tisch war, und wir zu allem Überfluss mit selbiger so viel Zeit vertrödelt hatten, dass wir eh nicht mehr rechtzeitig zu Yoav kommen sollten, fuhren wir trotzdem los. VIP Parkplatz sichern. Hat Dank dem Charme meiner Begleitung (natürlich weiblich) auch tatsächlich funktioniert. Was würde ich bloß ohne sie tun? Nicht zuletzt sie trieb mir auch wenige Minuten zuvor die allerletzten Flusen aus, doch keine Gummistiefel anzuziehen. Hab ich halt kein Style, dafür aber das Geld.
Ich kommentierte das des weiteren noch mit einem lässigen “ich finde, ich kann das tragen”, und, als ob dem noch nicht genug wäre, fotografierte ich, mit einer gehörigen Portion Reststolz, die inzwischen in Schlamm getränkten GS und speicherte dazu mental ab, dass ich fortan weiß, wie sich Leute fühlen, die später noch zu David Guetta gehen.
Jetzt aber genug rumgeflachst. Wir sind ja wegen der Musik hier. Everything Everything auf der Red Stage. Haben allerdings nur noch zwei Songs gehört. Das reichte nicht aus, um einen Satz wie ‘hätten sie sich lieber Nothing Nothing genannt’ mit Überzeugung rüberzubringen.
Green Stage. Blood Red Shoes. Gefällt schnell. Vor allem wegen der Sängerin. Die kann nicht nur singen, sie ist auch extrem süß. Ich kalkuliere meine Chancen ihr Hotelzimmer zu inspizieren. Dann realisiere ich allerdings, dass ich ja Gummistiefel trage. Naja, wenigstens sind die Füße warm und trocken.
Weiter auf die Blue Stage. Wir sind verabredet. Blöderweise hat sich der Zeitplan geändert und die Band, die wir sehen wollten, ist bereits fertig mit spielen. Klasse. Die Blue Stage mausert sich langsam aber sicher zum Flop des Wochenendes.
Wir ziehen weiter zu Darwin Deez. Gute Entscheidung. Die Red Stage grenzt an Überfüllung. Ich muss spontan an die Love Parade in Duisburg denken. Panisch suche ich nach möglichen Fluchtwegen auf denen ein McFit Logo abgebildet ist. Aber soweit kommt es natürlich nicht. Darwin Deez begeistern derweil die Massen. Exzess. Die Leute flippen total aus. Und das liegt nicht zuletzt an den choreografierten Zwischeneinlagen der Vier. Das läuft ganz klar unter Entertainment. Also so richtigem, meine ich. Nicht wie ‘Wetten, dass…’
Eine Stunde später sind wir etwas durchgeschwitzt, dafür aber alle gut drauf. Zeit zum Chillen. Und der Parkplatzwächter muss für morgen ja auch noch bestochen werden.
Kurze Zeit darauf drängen wir erneut ins Zelt. William Fitzsimmons spielt. Draußen werden wir noch über die Videoleinwand aufgeklärt, dass die Red Stage eigentlich überfüllt ist und wir deswegen bitte Verständnis haben sollen, dass niemand mehr reinkommt. Aber erstens kontrolliert das gerade gar niemand und zweitens sorgt Mister Fitzsimmons höchstpersönlich dafür, dass Leute in Scharen nach draußen stürmen. Sein Sound und er selbst nehmen sich da nichts: Beide haben sooo nen Bart (Insider). Aber dafür wird er wohl keine Einschlafprobleme haben.
Abendessen. Und an einer Umfrage via iPad (mit Taucherschutzfolie) teilnehmen. Wie stehst Du dem Unternehmen Telekom gegenüber? Schlecht! Stimmst Du folgender Aussage zu? Sponsoring ist okay…weil solche Events ohne Sponsoring gar nicht zu stemmen wären. Deine Mutter ist ohne Sponsoring nicht zu stemmen! Bewerte das Line-Up der einzelnen Bühnen. Blue Stage: Wo kann man hier ‘überflüssig’ ankreuzen? White Stage: Da waren wir ja noch gar nicht. Das gibt mir zu denken. Ich schaue rüber und sehe auf der Videoleinwand vor dem Zelt, dass Robeat gerade on stage performt. Das wiederum reicht mir, um einen Besuch guten Gewissens aufzuschieben. Da schaue ich lieber mal bei The Asteroids Galaxy Tour vorbei, bevor ich mich dann mental auf A-Trak vorbereite.
Doch soweit kommt es erst gar nicht, da stehe ich auf einmal ein paar Meter von A-Trak entfernt. Backstage. Er chillt. Ich versuche das Gleiche zu tun. Peinlich. Ich fühle mich wie ein Fänboy und muss ständig rüber schauen. DIE Chance auf ein gemeinsames Foto. Wo sind die aerodynamite.tv-Aufkleber? Ach verdammt, ich kann so was nicht bringen. Ich möchte einfach nicht aufdringlich sein. Und was kann man da auch sagen, was nicht total dämlich rüber kommt? Wir diskutieren es aus. Ich erläutere meinen Standpunkt mit Nachdruck, stelle mir aber währenddessen bereits die Kommentare zu dem Foto auf Facebook vor. Ändert jedoch nichts. Ich tue es nicht. Ist einfach nicht mein Ding. Außerdem ist A-Trak jetzt auch kurz vor seinem Auftritt und hinter der Bühne verschwunden. Ich begebe mich, aus Respekt, vor selbige und warte gespannt auf die Show.
Da stehe ich also. In Gummistiefeln. Und warte auf eines meiner DJ-Idole. Der blanke Hohn. Eine Situation ad absurdum sozusagen. Ich frage mich, warum es eigentlich keine Gummistiefel-Kollektion von Nike gibt? Und warum Kärcher keine Festivals sponsort? Zwei revolutionäre Ideen auf einmal. Und nur eine davon habe ich geklaut.
Dann habe ich keine Zeit mehr zu denken. A-Trak spielt. Und das tut er wirklich. Obwohl er ‘nur’ DJ ist und sich als solcher eben vorgestellt hat. Die ersten Scratches haben es bereits in sich. Dann driftet er allerdings etwas ab und brettert. Eine gute halbe Stunde harter Elektro-Shizzle. Nicht mehr mein Geschmack. Dann aber ein Break. Das Sample von ‘Show Me What You Got’ von Jay-Z ertönt. A-Trak scratcht wieder. Die Meute tobt.
Hip Hop Hooray und so. Jetzt verstehen wir uns. A-Trak wird immer schneller. Das ist die Show, die ich sehen wollte. Ich starre fasziniert. Mein Platz ist gut. Daft Punk mit ‘Robot Rock’ erklingt. Der Klassiker. Schon gefühlte hundert Mal von A-Trak so gesehen. Ich bin trotzdem beeindruckt. Live ist das halt doch noch mal was Anderes. A-Trak hat auch Spaß. Das kommt auf Youtube sonst eher selten so raus wie just in diesem Moment. Ich würde gern ein Foto davon machen, aber ich habe keine Hand frei, denn ich muss klatschen. Außerdem ist die Blackberry-Kamera eh für den Arsch, wollte ich noch erwähnt haben. A-Trak ist wieder bei cirka 126 BPM. Krasser Cut. Abartig in Szene gesetzt. Oh. Jetzt kommt es gleich. Gleich rastet das, mittlerweile bis zum Anschlag gefüllte Zelt total aus. BARBRA STREISAND!
Ich frage mich, ob sich A-Trak fragt, wie krass das ist, dass hier in Deutschland gerade Tausende einen Song feiern, auf dessen Sample sich die Eltern dieser Leute schon vor Jahrzehnten einen rausschwooften? Hätte ich ihn ja fragen können. Damn it! Warum fallen mir solche Sachen immer viel zu spät ein?
Ein paar Tracks und noch viel mehr Scratches später ist die A-Trak Show dann zu Ende. Die Crookers warten bereits an der Seite der Bühne. Die würde ich jedoch auch ohne Rückenschmerzen nicht sehen wollen. Scheiß Rumstehen. Ich fühle mich wie Horst Schlemmer. Ich muss dringend noch mal chillen.
Gerade als der Regen einsetzt bin ich wieder fit. Astreines Timing. Ich wollte mir mal Arcade Fire anschauen, nachdem ich davon bisher nur Lobeshymnen-Ähnliches gehört hatte. Sollte sich lohnen. Live durchaus kurzweilig. Ständige Instrumentenwechsel. Und acht Musiker, die ihre Musik auf der Bühne leben.
Jetzt geht der Akku aber langsam leer. Letzte Station: Klaxons. Glücklicherweise kamen während meiner Cola und der anschließenden Kippe alle Songs, die ich unbedingt hören wollte. Das nahm ich als Zeichen. Also nichts wie ab zurück ins Hotel, wo es übrigens immer noch kuschelig warm ist, und die Augen einfach zu fallen lassen. Gute Nacht.
to be continued…maybe